Meine Entwicklung zu mehr Selbstfürsorge

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Wo oder wann gab es in meinem (Berufs-)Leben eine 180-Grad-Kehrtwendung zu einem Thema oder einer Situation? Ich würde sagen, schon oft. Eine der grössten war sicherlich, dass ich als Lehrerin gearbeitet habe, obwohl ich mir das nie hätte vorstellen können. Aufmerksamkeit bekommen, im Mittelpunkt stehen, «vorne» stehen und vom Gefühl her konstant einen Vortrag halten – noch bis zum Studium hätte ich mir wohl kaum Schlimmeres vorstellen können. Doch durch Tests in der Laufbahnberatung kam ich auf den Bereich Unterrichten und nachdem mir klar wurde, dass man auch Erwachsene unterrichten kann, gab ich dem eine Chance. Und siehe da: Ich liebe es! Ich habe mehrere Jahre Deutsch. und Bewerbungskurse gegeben und habe auch jetzt noch manchmal Sehnsucht danach. Mir ist auch klar, dass ich im Rahmen meiner Selbstständigkeit Kurse, Workshops o.ä. geben möchte und ich kann mir auch vorstellen Retreats zu halten und vielleicht sogar auf einer Bühne zu stehen. Genau das ist etwas, was ich Ende Juni machen werde, in meinem Angestellten-Job. Ich werde dann gerne im Monatsrückblick vom Juni 2024 davon berichten. 😉 Vielleicht wird das ein nächster beruflicher Turnaround?

In diesem Text möchte ich aber nicht über diesen Job-Turnaround schreiben, sondern darüber, wie ich es geschafft habe, meine Fühler vom Aussen zu mir zurückzuholen und mich um mich und mein Wohlbefinden zu kümmern. Hier gibt es nicht einen spezifischen Moment, der zum klaren Umdenken geführt hat, sondern es waren verschiedene Momente, Situationen und Erkenntnisse, die mich zu der gemacht habe, die ich heute bin: Mein Wohlbefinden steht an erster Stelle und erst dann kommen die Bedürfnisse der anderen. Dass diese Einstellung nicht egoistisch ist, zumindest nicht in dem Sinn, wie wir in unserer Gesellschaft das Wort «egoistisch» interpretieren, möchte ich dir hier in diesem Beitrag aufzeigen.

Das brave Mädchen

Früher war ich das verkörperte Klischee des braven Mädchens. Immer freundlich, anständig, brav, zurückhaltend. Meine Zurückhaltung ging so weit, dass ich mich immer um das Wohl der anderen gesorgt habe. Entweder habe ich meine Bedürfnisse gar nicht wahrgenommen oder wenn, dann habe ich sie zurückgestellt. Wer geht noch mit dem Hund raus? Klar, sicher mache ich das, auch wenn ich gerade überhaupt keine Lust habe. Besser schnell melden, nicht dass sonst noch die Stimmung in der Familie kippt. Über eine gute Note habe ich mich nur ganz heimlich gefreut, wenn überhaupt. Ich habe mich eher dafür geschämt, weil die damals beste Freundin trotz stundenlangem Lernen nur knapp genügend war. Dann kann ich doch sicher nicht noch gross meine Freude zeigen, von Stolz sprechen wir schon gar nicht. Beim üblichen Anstandsrest habe ich mich sicher nie gemeldet, dass ich das letzte Stück Kuchen gerne nehmen würde. Es gäbe hier noch ganz viele Beispiele, aber ich denke, das Bild ist klar, oder?

Ausstieg aus dem Karrieredenken

Als mein Vater Anfang 2014 einen gesundheitlich bedingten Ausfall hatte und nicht mehr in seinen Job zurückkehren konnte, brachte das bei mir ein starkes Umdenken in Sachen Karrieredenken. Er war immer mein Vorbild, was Karriere machen und das Arbeitsleben anging. Erfolgreich, voll engagiert, unglaublich gut vernetzt, mit vielen Chancen und zielorientiert. Ich sah mich immer im Deux-Pièces, durchgstylt, irgendwo als «Karrierefrau». Wie sich das genua zeigen würde, war mich nicht klar. Und als was ich Karriere machen würde genau, wusste ich auch nie wirklich. Aber Hauptsache immer weiter hoch auf der Karriereleiter und noch mehr verdienen. Als ich aber dann 2014 sah, was ein solches Engagement über die eigenen Grenzen hinaus mit der Gesundheit macht und was dann der Dank der Firma war nach über 40 Jahren Dienst, weckte das erste Zweifel in mir. Will ich wirklich meine Gesundheit aufs Spiel setzen, nur um einer Firma zu dienen? Meine Antwort war klar: nein. Daher stieg ich aus dem Karrieredenken aus und ging Vollzeit in die Erwachsenenbildung, ohne sicheren Job, auf Stundenbasis angestellt, von Kurs zu Kurs unklar, ob ich weiter arbeiten konnte. Doch ich hatte gemerkt, dass mir das mehr Energie gibt als die vielen Stunden im Büro (siehe Fakt Nr. 22 in meinen Fun Facts).

Dieses Aussteigen und das Erlauben, meinen eigenen Berufsweg zu gehen, ohne dass er vom Umfeld immer verstanden wird, hat viel in meinem Leben verändert. Spannend war, dass gerade mein Vater lange Mühe hatte damit, dass ich oft in Jobs wechselte, bei denen ich eher weniger als mehr verdiente. Er meinte immer, ich würde mich unter Wert verkaufen. Irgendwann sah er aber doch ein, dass es mir nicht um den Lohn ging, sondern um meine persönliche Weiterentwicklung. Und wenn ich an einem Ort in eine Sackgasse komme und das Gefühl habe, nicht mehr weiterzukommen, mich nicht mehr weiterentwickeln zu können, dann weiss ich, dass es Zeit ist für eine Veränderung und somit für eine Kündigung. Auch wenn ich schon vor 2014 Jobs gewechselt habe, so verfolge ich doch seit dann konsequent meinen Weg, so wie er sich für mich richtig und stimmig anfühlt. Ich habe also einen ersten grossen Schritt gemacht hin zu mehr bewusster Selbstbestimmung.

Erster Schritt zu mehr Selbstverständnis

Als ich anfing, mich mit dem Thema Hochsensibilität zu beschäftigen, realisierte ich zum ersten Mal überhaupt, wie stark ich meine Fühler immer nach aussen gerichtet hatte. Ich war konstant auf Empfang für die Stimmungen und Bedürfnisse aller anderen um mich herum. Und je wichtiger mir eine Person war, umso höher gewichtete ich deren Wohlbefinden und nahm mich selbst zurück. Diese Erkenntnis führte zu einer ersten kleinen Veränderung hin zu mehr Selbstliebe und Selbstfürsorge. Es ist ok, wenn ich auch mich selbst wahrnehme und auf meine Bedürfnisse achte. Wenn es für mich bspw. wichtig ist, dass ich immer eine Sonnenbrille dabei habe, weil ich sehr lichtsensitiv bin, dann ist das ok, auch wenn das andere nicht machen. Und auch wenn ich sogar bei sehr sommerlichen Temperaturen eine Jacke und/oder einen Schal dabei haben möchte: voll ok. Ich zwinge ja niemanden, mir das hinterherzutragen oder das auch zu tun. Es ist nicht wichtig, was andere dabei denken, sondern dass ich für mich sorge. Denn nur ich kenne mich und meine Bedürfnisse wirklich, also kann auch nur ich dafür sorgen, dass es mir gut geht.

Allgemein war die Beschäftigung mit dem Thema Hochsensibilität für mich ein Gamechanger. Endlich hatte vieles, was mir an mir schwierig vorkam oder ich nicht verstand, einen Namen. Und ich war erst noch nicht alleine damit, es gab offenbar noch andere wie mich. Dieses Wissen und das dadurch wachsende Verständnis für mich trugen massgeblich zu meinem Turnaround hin zu mehr Selbstfürsorge bei. Auch wenn noch nicht alles an mir erklärbar war dadurch..

Mehr Klarheit über eigene Bedürfnisse

Dem ersten Lockdown wegen Corona im 2020 verdanke ich viel. Es wurde im Aussen einfach alles heruntergefahren und ich hatte viel Zeit für mich. Zum Glück hatte ich keine finanziellen Sorgen, mein Lohn kam weiter zuverlässig auf mein Konto. So konnte ich mich auf mich konzentrieren und die Ruhe geniessen. Ich war selten in meinem Leben so viel draussen und so sportlich: Ich war jeden Tag stundenlang spazieren und mind. jeden zweiten Tag joggen. Ich konnte entspannt in den Tag hineinleben und mir meinen Rhythmus gestalten.

Natürlich brauchte ich bald auch etwas für meinen Kopf und so habe ich einerseits viel gelesen, bin zum ersten Mal das Thema Selbstständigkeit ernsthaft angegangen, und habe andererseits aber auch zwei Coaching-Ausbildungen begonnen. Eine Coaching-Ausbildung im klassischeren Stil war schon länger gebucht, nur fand sie halt Covid-bedingt online statt. Dass mir die Arbeit online vom Homeoffice aus sehr zusagt, wurde mir dadurch schnell klar. Die zweite Coaching-Ausbildung war dann körperorientierter, ganzheitlicher und das Nervensystem und dessen Regulation stand im Zentrum. Die NESC-Ausbildung (NeuroEmbodied Soul Centering Coaching) wurde von Britta Kimpel entwickelt und es geht darum, das autonome Nervensystem in Balance zu bringen, basierend auf der neusten Hirnforschung und der polyvagalen Theorie von Stephen Porges. Diese beiden Ausbildungen, bei denen ich mich intensiv mit mir beschäftigt habe, in Kombination mit den Aha-Momenten und Erkenntnissen aus der Covid-Zeit haben mir einiges an Klarheit gebracht über meine eigenen Bedürfnisse. Ich habe mich oftmals gar nicht gespürt, weil ich so im Aussen war und mich angepasst hatte.

Das Zurückfinden in meinen Körper, ins Spüren von mir selbst, war der nächste Gamechanger und ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Turnaround.

Wichtigkeit von Grenzen und Werten

Der nächste Schritt hin zu meinem 180-Grad-Turnaround stand dann an, als ich begann, selbst in Coachings zu investieren und so an mir zu arbeiten und meine Themen zu reflektieren. Zwei wichtige Pfeiler auf meinem Weg hin zu mehr Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Selbstfürsorge waren Grenzen und Werte. Ich habe meine Grenzen noch weiter kennengelernt. Es ging jetzt nicht nur darum, die Grenzen festzustellen, wenn sie schon überschritten waren, sondern zu reflektieren, was für mich noch in Ordnung war und wo etwas für mich schon zu viel war. Gerade das Thema Grenzen hat auch wiederum sehr viel mit dem Nervensystem zu tun: je regulierter ich bin, desto besser kann ich mich, meine Bedürfnisse, aber auch meine Grenzen wahrnehmen und dann auch kommunizieren und durchsetzen. So finden all die vielen Puzzle-Stücke, die ich auf meinem Weg sammelte, langsam an, ein ganzes Bild zu ergeben.

Ein zentraler Moment war ein Coaching zum Thema Werte. Sehr schnell war mir klar, dass Empathie ein wichtiger Wert für mich war. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich Werte immer als etwas angesehen, das für das Zusammenleben wichtig ist, also in Bezug auf andere, auf das Aussen. Und nur mit einer Frage hat Wiebke, mein Coach, diese Vorstellung komplett verändert. Sie meinte: Lebst du denn deine Werte auch dir selbst gegenüber?

Puh, was für eine Frage! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich merkte, dass bspw. das Thema Empathie für mich immer nur nach aussen galt, aber sicher nicht mir selbst gegenüber. Das kennst du ja sicher auch: Mit dir selbst sprichst du oftmals sehr abschätzig und bist viel strenger, als du es mit einer Freundin oder einem Freund wärst, nicht?

Solche Aha-Momente ziehen sich durch mein Leben und haben immer zu nachhaltigen Veränderungen geführt. Wenn ich einmal etwas erkannt habe, kann ich es nicht mehr nicht sehen oder bemerken. Und das war somit der nächste Schritt: Weg von der konstanten Orientierung im Aussen zu Lasten meines Wohlbefindens hin zu mehr Selbstliebe und Selbstfürsorge.

Fazit aus meiner bisherigen Reise

Nachdem ich mich lange mit Hochsensibilität und Scanner-Persönlichkeit identifiziert hatte, kam im letzten Jahr das Thema ADHS dazu. Und auch hier kamen so viele Erkenntnisse und Aha-Momente hinzu, als ich mit dieser Brille auf mein Leben zurückblickte. Je mehr ich darüber weiss und auch von anderen höre, was sie für Symptome haben und wie ADHS sich auf ihr Leben auswirkt, desto besser verstehe ich auch mich selbst. Und das ist für mich einer der absoluten Schlüsselfaktoren: sich selbst kennen (lernen). Und das ist ein Prozess und wahrscheinlich auch ein lebenslanger Weg. Es gibt immer wieder neue Situationen und Herausforderungen, die mich aus der Komfortzone locken oder bei denen ich bewusst meine Komfortzone ausdehne, um mich noch besser kennenzulernen. Und je regulierter ich bin, je besser ich mir selbst den Raum halten kann, desto besser geht es mir auch in herausfordernden Zeiten.

Zusammengefasst sind es also die folgenden Aspekte, die mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin:

  • Selbstreflexion und ehrlicher Blick auf meinen Fokus aufs Aussen
  • Verständnis und Wissen über mich
  • konsequente Ausrichtung auf Weiterentwicklung

Daraus sind auch meine 4 Pfeiler entstanden, die in meinen Coachings zentral sind: die eigenen Werte, Bedürfnisse, Grenzen und Ziele. Ich arbeite dabei einerseits mit Psychoedukation, weil es wichtig ist, den Kopf mitzunehmen und Zusammenhänge zu verstehen. Aber genauso wichtig ist dabei der Körper, daher sind auch Tools zur Nervensystem-Regulation und aus dem Embodiment mit dabei. Neugierig? Buche dir hier gerne ein kostenloses Kennenlernengespräch, damit du einen persönlichen Einblick bekommst, wie ich arbeite und ob eine Zusammenarbeit für uns passen könnte.

Um zur Frage vom Anfang zurückzukommen: Warum ist es nicht egoistisch, sich selbst als 1. Priorität zu sehen? Kurze Antwort: Denk an die Sicherheitsinfos am Anfang jeden Fluges. Du sollst im Falle eines Notfalls dir selbst die Sauerstoffmaske zuerst aufsetzen, bevor zu anderen hilfst. Da findet das niemand egoistisch, oder? Also übernehmen wir das doch einfach für den Alltag. 😊

Die lange Antwort kommt schon bald in einem eigenen Blogbeitrag. 😉

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